Unser Pastor Michael Gordon besuchte die Colonia Dignidad
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14 Tage Colonia Dignidad-Reisebericht von Pastor Michael Gordon, Baptisten-Gemeinde (EFG) Gronau

1. Teil

Anfang März reiste ich für 2 Wochen in die ehemalige Colonia Dignidad, um mehr über ihre Entstehungsgeschichte, speziell der Zeit vor der Ausreise nach Chile, zu erfahren, da ca. 140 Kinder und Erwachsene von den insgesamt 300 seit 1961 ausgereisten Deutschen aus unserer Baptisten-Gemeinde in Gronau als Mitglieder oder Freunde stammten.

Nach dem mehr als halbtägigen Flug über den Atlantischen Ozean kam ich in Santiago de Chile an. Mit dem Überland-Bus ging es über fünf Stunden in den Süden zur Kleinstadt Parral und dann
noch mal 45 Minuten mit dem PKW zuletzt auf Schotterstraße zur ehemaligen einsamen Colonia Dignidad ans Ende der Welt. Ein ideales Versteck für den damals aus Deutschland flüchtigen Verbrecher Paul Schäfer dachte ich sofort.

Ich übernachtete im dortigen zentralgelegenen kleinen Hotel mit einem zunächst mulmigen Gefühl, welch verwegenen Gestalten ich wohl begegnen würde, traf aber nur nette Menschen an, dir mir durchweg mit Freundlichkeit begegneten.

Das Grundstück der Colonia erstreckte sich um die Jahrtausendwende über 140 qkm, also annähernd doppelt so groß wie unsere Stadt Gronau. Die Gebäude sind ein wenig verstreut mit dem Fahrrad gut zu erreichen. Dass man bei dieser Weitläufigkeit des Geländes Freveltaten begehen konnte, ohne dass es einer mitbekam, kann ich mir jetzt sehr gut vorstellen.
Das Mobiliar und Inventar stammt meist aus den 50er Jahren und ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt.

Colonia1Da ich im Spätsommer anreiste, zeigte sich die Colonia optisch von der schönsten Seite. Es erinnert tatsächlich an Oberbayern, wie der spätere Name Villa Baviera auch ausdrücken soll. Einerseits bewundernswert, was in über 50 Jahren an deutscher Agrar-Kultur aus dem Boden gestampft wurde, andererseits empfand ich Abscheu, da dieser Aufbau durch die eigene Sträflingskolonie geschah.

Mein Touristen-Führer Jürgen Szurgelies, der bei früheren Fluchtversuchen immer wieder geschnappt und mit Medikamenten verseucht worden war, zeigte mir fast alles: Den Friedhof, wo ich die Namen ehemaliger Gronauer Gemeindemitglieder las, einen der dunklen Verließe, wo die Menschen brutal zusammengeschlagen wurden, die ersten Gemeinschafts-Jungen-Duschen, wo Schäfer sich nach der Ankunft bald verging usw.
Ich merkte rasch, dass ich nicht der einzige war, der das Phänomen Colonia Dignidad erkunden wollte. Außer mir war ein Däne da, der eine Dokumentation drehen wollte und davor waren andere gekommen. Es war nur lange Zeit her, hörte ich, dass jemand so lange wie ich als Gast auf dem Gelände wohnte. Wegen der jahrelangen Dauer-Befragung durch immer wieder wechselnde Personen wollten vermutlich einzelne Alte nicht mit mir reden.

In den Tagen sprach ich mit über 50 unterschiedlichsten Personen aller Generationen, so dass ich gut die Hälfte der heutigen Bewohner kennenlernen konnte.

Es gibt derzeit noch ca. 10 Familien mit 30 Kindern auf dem Gelände, die Mehrzahl der Bewohner ist über 65. Viele Ehemalige haben das Weite gesucht, einige haben bei uns in Gronau ein neues Zuhause gefunden.

Bei den Begegnung waren die persönlichen Erlebnisse und die derzeitige Situation in der ehemaligen Colonia Dignidad meist das Haupt-Thema und nicht mein eigentliches Anliegen und doch hat mich rückblickend diese Forschungsexpedition wichtige Schritte weitergebracht, neben einigen neues Details aus der Vergangenheit, Bestätigung von Vermutungen, einzelnen Dokumenten, bekam ich einen wichtigen neuen Blickwinkel, mein Anliegen einen leichten Richtungswechsel und ich habe wertvolle Menschen kennengelernt.

Zum Beispiel traf ich die Gronauer Alfred, Edith und Elli Gerlach mit Anni Maschke zu Hause bei Kaffee und Kuchen. Sie erzählten von alten Zeiten z.B. von einem Fahrradausflug der Jugend bis zur Zugspitze oder von der Beerdigung des früheren Baptisten-Predigers Peters, bei dessen Beerdigung es zu einem solchen fürchterlichen Unwetter kam, dass Leute außerhalb der Gemeinde meinten, was wohl Gott den Baptisten zu sagen hätte, da sie mit ihm nicht freundlich umgegangen wären.

Einen ganz Tag über traf ich mich außerhalb der Colonia mit Heinz Kuhn, der Mitte der 50er Jahre nach Gronau gezogen und glühender Anhänger von Paul Schäfer gewesen war und die Baptisten drangsaliert hatte. Er flüchtete als einer der wenigen in der Anfangszeit aus der Colonia, mutierte vom Saulus zum Paulus, half bei der Flucht von Hugo und Waltraut Baar oder dem Ehepaar Lotti und Georg Packmor aus Chile und wirkte bei der Straf-Verfolgung von Paul Schäfer mit. Er sagte mir, dass ihm sein Handeln früher in Gronau unendlich leid täte.

Meine Begegnungen waren meist spontan, da ich keinen direkten Ansprechpartner in der Colonia hatte, worüber ich mich zunächst wunderte, bis ich feststellte, dass es keinen Gesamt-Leiter mehr gibt, weder im politischen noch im kirchlichen Sinne. Es gibt Gruppen und Grüppchen, Freundschaften, Familienbande aber keine feste Organisationsstruktur mehr. Whatsapp dient vielfach als Kommunikationsmittel.
Paul Schäfer hatte keinen Leiter neben sich geduldet und bewusst keinen Nachwuchs gefördert, der nach ihm die Gemeinschaft hätte leiten könnte. Nach seiner Gefangennahme 2005 brach alles zusammen. Menschen schwangen sich zwar zu Führern auf, wollten Verantwortung übernehmen, doch keiner wurde dauerhaft von den anderen akzeptiert, und so ist es geblieben.
Zwar gibt es Arbeitsbereiche, die geleitet und abgewickelt werden, doch es gibt keine von allen gewählten Gremien. Es ist irgendwie diffus und hängt sicherlich mit der unsicheren Zukunftslage zusammen. Immer weniger Mitarbeiter, die alles schultern müssen, sehr hohe Millionen-Schulden, die anscheinend ihnen ein auswertiger Berater hinterlassen hat. Man mag auch bedenken, dass kaum zehn Jahre vergangen sind, wo die Käseglocke, unter der die Bewohner 40 Jahre leben mussten, gehoben wurde und sie sich in kürzester Zeit von einer Art radikalem Kommunismus lösen und auf den Kapitalismus umstellen mussten.

Es gibt keinen gemeinsamen Gottesdienst. Nur eine kleine von Alten geleitete Gruppe trifft sich freitagabends zur Bibelstunde. Sie sympathisieren mit dem über 80jährigem deutschen Prediger Ewald Frank aus Krefeld, der eine eigene christliche, weltweite Sondergemeinschaft leitet. Einige fuhren im März in ein anderes südamerikanisches Land, um ihn life erleben zu können.
Die Colonia als Religions-Gemeinschaft oder Lebensgemeinschaft existiert nicht mehr. Sie ist in der Auflösung begriffen. Das ist nicht wirklich verwunderlich, da der größte Teil unfreiwillig als Kinder dort hinkam oder geboren wurde und überwiegend Angst, Brutalität, Gefangenschaft, Perversion erlebte.

Es gibt mehrere Schicksals-Gruppen.
Die Alten sind eine verführte Generation. Sie reisten als Erwachsene meist freiwillig mit Paul Schäfer nach Chile. Sie sind 78 Jahre und älter. Was sie in der Colonia lebten oder gezwungen waren zu leben, entsprach zu großen Teilen nicht dem Ideal, unter dem sie ausgereist waren. Ihr grausamer Meister hatte sie betrogen. In der kurzen Zeit hatte er die meisten von ihnen bis ins Innerste erforschen können und wusste für jeden die Melodie zu spielen, nach der die Person dann im Sinne des Hexenmeisters tanzen würde.

Die Mittleren sind eine verratene Generation. Es sind die Kinder der Alten, heute ca. zwischen 57 und 77 Jahre alt. Sie wurden mit dem Verlassen der Bundesrepublik Deutschland von ihren Eltern getrennt, wobei die Väter und Mütter gegen dieses Verbrechen nicht einschritten, sondern ihr eigenes Fleisch und Blut quasi in ihrem tiefen Schmerz dauerhaft allein ließen. Sie wurden Fronknechte und andere Leute schwangen die Peitsche und scheuchten sie mit dem elektrischen Viehtreiber zur Arbeit. Die Jungs wurden über die Pubertät hinaus von Paul Schäfer als Lustknaben missbraucht und geschändet. Mädchen wurden zwangssterilisiert. Sie heirateten meistens erst als Paul Schäfer im Gefängnis war, bekamen oft keine Kinder und manche erhalten nur eine minimale chilenische Rente von 150 €.

Die Jungen sind als elternlose Generation aufgewachsen. Ende der 60ger Jahren durften einige wenige der "Alten" heiraten, die als junge Erwachsene nach Chile gereist waren. Diese bekamen Kinder. Rasch nach der Geburt wurden diese Kinder ihren Eltern entzogen, lebten in ihren nach Geschlecht getrennten Altersgruppen ohne zu wissen, dass es Eltern gibt. Sie waren die einzigen, die studieren konnten, als Paul Schäfers Macht um die Jahrtausendwende gebrochen war. Manche lernten später ihre Eltern noch kennen, besprachen sich, einige versöhnten sich. Diese Generation hat geheiratet, Kinder und zumeist einen ordentlichen Verdienst. Sie verantworten jetzt das wirtschaftliche Geschehen in der Colonia Dignidad.

Die Kinder der Jungen sind eine strahlende Generation. Ich habe ein paar von ihnen kennenlernen dürfen. Sie leben nicht mehr unter der Tyrannei Paul Schäfers, geliebt von ihren Eltern gehen sie auf die spanisch-sprechende Schule und Chile wird ihre Heimat sein. Sie repräsentieren die Zukunft.

Dann gibt es natürlich noch die von den Deutschen oft nur auf dem Papier adoptierten Chilenen. Sie wurden aufgenommen, weil ihre Eltern sie verstoßen hatten oder Paul Schäfer frisches Blut für seine pädophile Lust begehrte.

2.Teil

Will man das ganze Phänomen Colonia Dignidad annähernd verstehen, so muss man sich von dem TEMPEL erzählen lassen. Als Paul Schäfer alle Macht hatte und über Millionen verfügte, baute er sich in den späteren Jahren keinen Palast, sondern diesen kleinen Tempel.
Das Haus, das Paul im Zentrum der Colonia bewohnte, enthielt mehrere größere Räume für Empfänge. Sein eigenes Zimmer war der Größe nach bescheiden, vielleicht 16 qm mit dickem Panzerglas versehen. Wichtiger war aber der doppelt so große Anbau an dieses Zimmer. Ein schönes Badezimmer mit wertvollem Inventar - der TEMPEL, den er gegenüber seinen Opfern auch so benannte. Es war der Ort, wo er Jungs jeden Tag missbrauchte, zwang, vergewaltigte und es mit christlichem Vokabular übertünchte. Wie in Köln der Dom, im Dorf die Kirche den geistigen und werteschaffenden Mittelpunkt der Bewohner darstellt, so dieser Lust-Tempel den Mittelpunkt des Denkens und Handelns des Tyrannen Paul Schäfer.
Sobald Pauls Macht offensichtlich zerbrochen war, wurde dieses Badezimmer von den geschändeten Männern zerstört und der uninformierte Besucher sieht an der einstigen Stelle nur noch eine Wiese.
Der alleinige Zweck der Gründung, des Aufbaus, der Struktur der Colonia Dignidad, des geistlichen Redens seitens des Erfinders und Fürsten Paul Schäfers, so macht dieser TEMPEL klar, war die dauerhafte perverse Lustbefriedigung dieses selbsternannten Gottes. Dafür ging er über Leichen, zerstörte die Seele und den Körper seiner Untertanen, verzerrte den christlichen Glauben, log und betrog.

Fünf Jahre vor der Ausreise nach Chile hatte man ein Jugend- und Freizeitheim in Heide bei Siegburg gebaut. Integriert war ein Kinderheim für Jungen tw. aus Gronau, dessen Leiter Paul war und deren Insassen er von Anfang an täglich missbrauchte. Es gelang ihm, dass diese Jungs, nichts verrieten. Doch seine Lust machte ihn unvorsichtig. Auf einer Freizeit nahm er sich Gronauer Jungs vor, die noch bei ihren Familien wohnten. Im Spiel und Reden mit einander verarbeiteten sie nach der Rückkehr das perverse Verhalten des selbsternannten Heiligen in der elterlichen Wohnung. Die Eltern wunderten sich, forschten genauer nach, erkannte das Verbrechen und zeigten Paul an, der daraufhin nach Chile verschwand. Die meisten Anhänger bezichtigten diese Eltern und Kinder der Lüge, da nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Für Paul selbst war die Art und Weise , wie die Aufdeckung geschah, eine Lehre. Dieser Fehler durfte so nie mehr passieren. Schon auf dem Schiff nach Chile wurden alle Kinder dauerhaft von ihren Eltern getrennt, damit keine Kommunikation mehr erfolgen konnte. Die missbrauchten Kinder durften später im erwachsenen Alter nicht heiraten, da sonst sein abnormales Verhalten im Gespräch zwischen Mann und Frau bekannt geworden wäre.
Alles durfte Paul mit seinen frommen Hörigen machen, es durfte nur niemals seine Pädophilie herauskommen, sonst würde sofort seine Macht in ein Nichts verfallen.

Und tatsächlich - es erscheint mir nach all den Gesprächen vor Ort als glaubhaft, dass (fast) keiner der Älteren gedacht oder gewusst hatte, dass Paul Schäfer die Jungen in der Colonia tagtäglich missbrauchte. Die Geblendeten hielten ihn bis nach 2000 noch für einen Heiligen und alle Vorwürfe als reine Verleumdung. Als ihre missbrauchten Kinder ihnen überzeugend endlich ihr Leid erzählen konnten, brach die fromme Welt der gewordenen Sekte zusammen. Sie trennten sich augenblicklich von ihrem einstigen Führer. Nach meiner Erinnerung besuchte ihn im Gefängnis in all den 5 Jahren bis zu seinem Tod 2010 keiner seiner ehemaligen Verehrer und kaum eine Handvoll war bei seiner Beerdigung in Santiago de Chile zugegen.

 

Heute wollen die Alten über 75jährigen nicht gerne über die Untaten der Vergangenheit reden und meinen "Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, ist nicht geschickt für das Reich Gottes". Die Vergangenheit ist vergangen und kein Thema mehr. Sie haben vergeben, das reicht.
Etliche Jüngere werfen ihnen aber genau das vor, dass Verbrechen einfach totgeschwiegen werden. Sie reden unumwunden von ihrem Leid. Und viele von ihnen sind dankbar für die Bücher von außerhalb, die über sie, die Colonia Dignidad, geschrieben wurden und ihnen helfen, ihre persönliche Leidensgeschichte einzuordnen. Diese Schriften sind in der Colonia käuflich zu erwerben.
In dem erst vor kurzem eröffnete Museum sind kritische Berichte, wie das explosive Heft von amnesty international aus dem Jahr 1977, zu sehen. Die Jungen kehren nichts mehr unter den Tisch.

Fazit für mich: Die Ereignisse in der Baptisten-Gemeinde in Gronau (und darüber hinaus) sind einzuordnen in die Entstehung einer von Paul Schäfer beabsichtigten Privat-Sekte, bei der der christliche Glaube je länger je mehr nur Mittel zum Zweck war.

Die weitere Erforschung der Zeit vor 1961 hilft nicht nur den Menschen hier in Gronau, sondern ebenso den ehemaligen Kindern der Colonia Dignidad, von den ich etliche kennenlernen durfte.
Wer wir sind, verstehen wir besser, wenn wir wissen, woher wir kommen.

Wer noch Unterlagen aus der Zeit vor 1961 besitzt oder Fragen hat, kann sich gerne an mich (Pastor Gordon) wenden unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.


colonia dignidad

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